•22. November 2009 •
Der letzte Eintrag liegt nun schon einige Zeit zurück und dafür möchte ich mich an dieser Stelle in aller Form entschuldigen.
In einer Woche habe ich endlich Urlaub und werde mich vermehrt der Niederschrift meiner Erlebnisse widmen.
Denn das ganze hier ist neben Spaß, der Information anderer und dem Revuepassieren von Erlebnissen auch gut um alles richtig einordnen zu können und das Erlebte aus einem distanzierten Blickwinkel zu sehen.
Woche 1 war für mich die schlimmste von allen, auch wenn sie nur 4 Tage Dienst beinhaltete.
Es war eine komplette Umstellung, die mir wie 10 kräftige Schläge ins Gesicht vor kamen.
Woran das lag? An folgendem:
Verwöhnt, wie ich war, war ich ein großes, bequemes Bett gewöhnt. Beim Schlafen herrschte Ruhe. Ich musste mich mit niemandem arrangieren.
Tja und dann musste ich mir die Stube mit 7 anderen Menschen teilen. Einer davon war der wohl lauteste Schnarcher der Welt. Die Geräuschkulisse, die der Kamerad nach den 2 Nano-Sekunden, die er zum Einschlafen benötigte, fabrizierte glich in etwa der einer Großbaustelle in der Presslufthammerhauptbetrieb herrschte.
Das bedeutete, dass ich in Nacht 1 – trotz mehrmaligem Weckens des Störenfriedes – kein Auge zu bekam.
Da lag ich also in meinem viel zu kleinen, viel zu unbequemen Bett, das Kissen über den Kopf gepresst in der Hoffnung den Presslufthammerhauptbetrieb wenigstens zu einem Bahnhof mit regem Zugbetrieb umzuformen und mir so doch noch den dringend benötigten Schlaf herbei zu führen und dachte nach. Ich verfluchte in dieser Nacht meine Entscheidung den Kriegsdienst nicht zu verweigern. Ich dachte , dass ich 3 Monate mit dieser nächtlichen Unannehmlichkeit nicht überstehen würde und spätestens nach 2 Wochen den Verstand verlieren würde.
Als um 05:00 des 2. Tages ein lautes “ ERSTER ZUG AUFSTEHEN!!!!!“ zu vernehmen war keimte in mir Schadenfreude. Im Gegensatz zu den anderen schreckte ich nicht aus dem Schlaf und fragte mich benommen wo ich war. Ich wusste es ja bereits und war froh, diese Nacht überstanden zu haben.
Der zweite Tag war im Prinzip eine Art Einführung. Wir hatten den ersten Stubenunterricht, in dem wir die Dienstgrade der Bundeswehr lernen sollten, wir wurden zum Arzt geführt, wo eine erneute Eingangsuntersuchung stattfand und hatten Abends einen Unterricht beim Zugführer, der uns einen groben Überblick über das gab, was uns so erwarten würde.
Zurück zu den Dienstgraden. Aus heutiger Sicht kann ich absolut nicht verstehen, wie es mir so schwer fallen konnte die auf die Reihe zu kriegen. Heute ist das alles Routine. Blick auf die Schulter, Dienstgrad erkennen, bei höherem Dienstgrad : Gruß „Guten Tag Herr [Dienstgrad]„; bei niedrigerem Dienstgrad : Gruß erhalten: Gruß erwiedern ; kein Gruß erhalten : Untergebenen wirksam an die Grußplicht erinnern.
Soweit die Faustformel.
Damals hab ich einfach gar nichts davon hinbekommen. Jäger, Gefreiter, Obergefreiter, Hauptgefreieter…. soweit ging’s noch. Und dann? Nur Murks. Besonders bei den Unteroffizieren. Unteroffizier, Oberunteroffizer, Hauptunteroffizier?! Schwachsinn! Und trotzdem sind mir solche Vergewaltigungen der Dienstgrade heraus gerutscht. Natürlich gab’s dafür jedes Mal eine Standpauke und einen hoch-roten Kopf meinerseits. Nach und nach hörte das allerdings auf und das Erkennen der Dienstgrade ging mir so ins Blut über, dass ich sie wie Ohrwürmer im Kopf hatte.
Es folgte am Dritten Tag die Einkleidung. Dafür ging es mit dem Bus in die Kaserne der Pioniere nach Minden. Als wir angekommen waren durften wir erst mal eine gute Stunde in der Sonne anstehen. Es waren noch andere Rekrutenkompanien vor uns an der Reihe. Dann, als wir endlich angekommen waren wurden wir durch verschiedene Räume geschleust, immer wieder mal vermessen und erhielten nach und nach unsere Ausrüstung, die wir in einer Art Einkaufswagen verstauten, der sich immer mehr füllte. Ich bekam alles, bis auf Stiefel. Die sollte ich auch die ersten 2 Wochen nicht haben. Das wohl größte Problem war die komplette Ausrüstung in 2 großen Taschen, genannt „Kampftragetasche“ (Komisch, dass vor fast allem beim Bund ein „Kampf“ geschoben wird. Beispiele: Kampfhandschuhe, Kampfrucksack, Kampfstiefel) und den „Seesack“ und in eine kleine, dem Kampfrucksack unterzubringen.
Noch abenteuerlicher war es das alles vom Einkleidungsblock bis zum Bus zu kriegen. Ich fühlte mich wie der letzte Packesel und lief mit kleinen, langsamen, wankenden Schritten unter der Aufbringung meiner ganzen Kraft (die damals noch zu wünschen übrig lies) und Schweißausbrüchen zum Bus.
Zurück in der Heimatkaserne wurde wir in die DDR-Mehrzweckhalle (ich berichtete) geführt und mussten noch mal alles auspacken um eine Vollzähligkeit des Materials zu machen. Die Logik, die dahinter stand es erst in Bückeburg durchzuführen entzog sich mir allerdings. Mir fehlte natürlich prompt etwas. Die Stiefel ausgeschlossen. Was mir fehlte war ein Schlafsacküberzug im Wert von etwa 700€. Zahlen musste ich dafür nichts, es war ja klar, dass er mir einfach nicht ausgegeben wurde. Zumindest dachte ich es, bis ich meinen verloren Überzug zwei Wochen später in einem extra Fach fand. Ich hab bis heute noch 2 und viele Kameraden waren mir für die Leihgabe meines überschüssigen Materials schon dankbar! Tja, meine Schusseligkeit hat auch manchmal ihr gutes.
Der Rest des Tages und Tag 4 waren geprägt vom Einräumen des Spindes und weiteren Einweisungen in die Örtlichkeiten. Am Morgen des 4. Tages traten wir das erste mal in Uniform an. Mein schnarchender Stubenkamerad und ich waren die einzigen ohne Stiefel und sorgten dadurch natürlich für Gelächter. Und schon wieder stand ich – diesmal allerdings unverschuldet – im Mittelpunkt. Mist!!
Es folgte das Wochende. Das erste Mal zu Hause. Es war wie das Paradies. Das Sitzen auf der Couch war so himmlisch! Und oh! mein eigenes Bett. Die Herrlichkeit von Komfort wurde mir bewusst. Alles, was für den normalsterblichen alltäglich ist und nicht auffällt rückte plötzlich in den Vordergrund. Es ging mir körperlich so schlecht wie nie, aber ich fühlte mich pudelwohl. Ich glaube, so fühlt es sich an , wenn man darüber spricht nach Hause zu kommen.
so long, wushi
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